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Monte d'Accoddi
Steinzeitlicher Terassenbau birgt viele Geheimnisse  

So geheimnisvoll wie der Berg selbst ist auch die Herkunft seines Namens. Im lokalen Dialekt klingt er ganz ähnlich wie ein unschönes Wort für Beischlaf. Sprachwissenschaftler leiten den Namen von einer Pflanze namens "kòdoro" oder auch von "accodi" ab, was soviel wie Sammelstelle bedeutet. Eine andere Lesart führt den Namen auf das sardische "Monte de Code" zurück, auf deutsch schlicht "Berg aus Stein". Eine sehr einleuchtende Version, denn Monte d'Accoddi wirkt für den unkundigen Besucher wie ein großer Steinhaufen mit Aufstiegsrampe. Viel zu sehen gibt es nicht, was man ohne nähere Erklärungen erkennen könnte. Deshalb sollte man beim Besuch unbedingt an einer Führung teilnehmen, um die archäologische Bedeutung von Monte d'Accoddi verstehen zu können.

Was auf halbem Weg zwischen Sassari und Porto Torres an der alten Hauptstraße S.S. 131 ans Tageslicht kam, hat es in sich: Ein derartiges geschichtliches Zeugnis wurde bisher weder auf Sardinien noch im gesamten Mittelmeerraum gefunden. Erste Siedlungsspuren gehen auf die Zeit um 4200 vor Christus zurück. Der terrassenförmig angelegte Altarbau ist aber tausend Jahre jünger und wurde von einer Kultur errichtet, die etwa 1600 Jahre vor den Nuraghern auf Sardinien lebte. In einer zweiten Bauphase, etwa 2800 Jahre vor unserer Zeitrechnung, wurde der Terrassenaltar nach einem Brand mit grobem Gestein auf seine endgültige Höhe von etwa neun Metern erweitert. Eine breite Aufstiegsrampe führte zu einer Kultstätte auf der Spitze des Sockels.
Das größte Rätsel gibt den Wissenschaftlern die Form des Bauwerks auf. Sie erinnert an Zikkurate. Diese Sonnentempel, wie sie in Mesopotamien gefunden wurden, kommen im Mittelmeerraum aber nicht vor. Wer waren also die Erbauer dieser Kultstätte? Eine Theorie vermutet aufgrund der Form des Terassenaltars ein Volk aus dem Gebiet des heutigen Irak, das sich auf Sardinien niedergelassen hat. Da aber auch in Lateinamerika terassenförmige Sakralbauten gefunden wurden, kann man allein über die Bauform nicht belegen, dass die Bewohner des Flachlandes hinter dem heutigen Porto Torres Kontakte in den mittleren Osten hatten. Damit bleibt diese Theorie Spekulation.
Rätsel geben auch die Menhire auf, die am Rande der Kultstätte gefunden wurden. Sie stehen vermutlich schon viel länger an der Kultstätte als der Terassenaltar. Es ist heute noch nicht klar, ob die kultischen Steine der Verehrung einer weiblichen oder einer männlichen Gottheit dienten. Die säulenartige Form eines Steinblocks ließ sich sowohl als phallisches Symbol als auch, aufgrund der darin gefundenen Aushöhlungen, als weibliches Gottheitssymbol deuten, vermuten die Wissenschaftler.
Auch die Bedeutung der anderen Kultstätten rund um Monte d'Accoddi bleibt rästelhaft. Ein Steintisch an der rechten Seite der Rampe überdeckt ein natürliches Loch im Kalkgestein. Die steinzeitlichen Erbauer sahen dieses Heiligtum möglicherweise als Mund einer Erdgottheit an, der Opfer dargebracht wurden. Um den Steintisch herum fanden die Archäologen Reste von Tier- und Fischopfern. Ähnliche Spuren von Opferriten fand man auch in späteren Kulturen auf Sardinien. Der Zweck eines weiteren Kultsteins, ein mehrere Tonnen schwerer Findling am Ende der Rampe des Tempels, ist ebenso unklar. Sicher ist nur, dass er aus mehreren Kilometern Entfernung herbeigeschafft wurde, weil diese Gesteinsart in der Gegend um Porto Torres nicht vorkommt. Einige Forscher vermuten, dass er per Boot an die Kultstätte gebracht wurde, denn der nahegelegene Rio d'Ottava war vor mehreren tausend Jahren noch schiffbar. Schwer vorstellbar, dass das Rinnsal, einen halben Kilometer von der Kultstätte entfernt, vor sich her plätschert, einmal mit Booten befahren werden konnte.
Die Kultstätte wurde bis etwa 1800 vor Christus genutzt, bis ein anderes Volk seinen Glauben und seine Kultur auf Sardinien verbreitete: die Nuragher. Von dieser Zeit zeugt zum Beispiel ein Kindergrab, dass an einer Ecke des Terassenbaus gefunden wurde. Die Nuraghen kannten also Monte d'Accoddi, haben ihn aber nicht als Kultstätte benutzt. Wer seine Erbauer waren, woher sie kamen, was mit ihrer Kultur passierte, was ihre Riten bedeuteten, ist der Wissenschaft bis heute ein Rätsel. Ihr Geheimnis lag über Jahrtausende unter der Erde verborgen, bis im zweiten Weltkrieg die leichte Anhöhe im Hinterland von Porto Torres von der italienischen Armee als Basis für Flugabwehrgeschütze genutzt wurde. Die Soldaten stießen dabei auf unterirdische Steinhöhlen, die in den frühen 1950-er Jahren erstmals ausgegraben wurden.