Haltepunkt Palarana: Abgeschiedenheit zwischen zwei Tunnel

Im Wärterhäuschen kam die
ganze Familie des Strafversetzten unter. Wurde einer krank, musste
auf den nächsten Zug gewartet werden
Strafversetzte brauchten keinen Komfort,
nur das Nötigste gehörte zur Ausstattung

Die Arbeiten am Staudamm wurden erst
1949 fertiggestellt
Täglich
"schöne Aussichten" für Triebfahrzeugführer
Maurizio und "Beimann" Cesare
Blick aus den kleinenTriebwagenfenster
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Nach einem kurzen Halt rasselt der „Trenino Verde“ über Hügel
und Viadukte talwärts in Richtung Osten. Am späten Vormittag,
wenn die Sonne ihre immer kürzeren Schatten auf die Landschaft
wirft, trifft der Zug im Bahnhof von Villanovatulo ein. Von hier
aus geht es inmitten von Macchia Mediterranea, Ginsterbüschen
und Steineichen am Lago Flumendosa entlang weiter zum Haltepunkt
Palarana. Selbst die ganz jungen Fahrgäste, die während
der Fahrt meist mit MP3-Playern oder Game Boys hantiert hatten,
kleben plötzlich mit den Nasen am Abteilfenster: Die Aussicht
vom Zug auf den großen See ist atemberaubend.
Der "Lago di Flumendosa"
ist ein großer künstlicher See. Die Arbeiten am Staudamm
begannen schon in den 1928er Jahren
Eingeschlossen zwischen zwei Tunneln, steht in Plarana ein kleines
einsames Wärterhäuschen mit wunderschönem Blick auf
die Natur. Wenn jetzt eine Dampflokomotive durch den Tunnel pfeifen
und schnauben würde, könnte man glatt meinen, um 50 Jahre
zurück versetzt zu sein. Einsamkeit und Idylle heißt
aber auch Strafversetzung, denn wer hier postiert wurde, hatte sich
etwas zuschulden kommen lassen. „Mindestens ein Jahr lang mussten
es die unzuverlässigen Mitarbeiter des damals privaten Verkehrsunternehmen
in dieser Abgeschiedenheit und Unzugänglichkeit aushalten.
Das war schlimmer als Gefängnis“, bekräftigt Herr Albertoni.
Nach Einstellung des regulären Linienverkehrs auf der Strecke
wurde das Häuschen Nr. 73 nicht abgerissen, sondern als Wärterhausmuseum
umfunktioniert.
Über Viadukte und durch kleine
Tunnels rassel der "Trenino Verde" durch die Barbagia
di Seulo
In weiten Kehren und durch kurze Tunnel rollt die Schmalspurbahn
nun bergauf nach Betilli und Esterzili durch die Barbagia di Seulo.
Ginsterbüsche in kräftigem Gelb säumen die Strecke. Hier, wie in
der restlichen Barbagia, wachsen besonders wiederstandsfähige Baumarten
wie die Steineiche, der Nuss- und Kastanienbaum. Mir dem recht harten
Holz dieser Arten wurde Frankreich nach dem Sieg über Österreich
im 1859 geführten Sardinien-Piemont-Krieg für ihre militärische
Unterstützung vom damaligen Ministerpräsident Cavour belohnt. "Dieses
wiederstandsfähige und dauerhaft harte Holz wurde von Frankreich
für den Neubau von Schlachtschiffen eingesetzt", berichtet Herr
Albertoni. Kaum zu glauben, dass die Schmalspurbahn an erster Stelle
den Güterverkehr im unzugänglichen Forstgelände ermöglichen sollte.
Doch die zu der Zeit bestehenden Verkehrsanbindungen der "Ferrovie-Reali
Eisenbahngesellschaft" zwischen Cagliari und Sassari, Chilivani
und Porto Torres sowie Villamassargia und Carbonia konnten mit einer
Schienenbreite von 150 cm nicht ins unwegsame Landesinnere führen.

Kurz vor dem Bahnhof Sadali - Seulo
bietet sich den Fahrgästen ein wunderschöner Blick auf
das Hochplateau "Tacchi di Sadali"
Mit etwa 50 Stundenkilometern lässt der "Trenino Verde" die letzten
Bäume von Esterzili hinter sich und erreicht auf etwa 705 Meter
ü. NN das kargere Hochplateau von Sadali. Wenige Kilometer weiter
endet die Fahrt mit der Schmalspurbahn am Bahnhof Sadali - Seulo.
"Trenino Verde" haben die Sarden ihre Schmalspurbahn genannt, weil
sie durch die grüne Wildnis Sardiniens, vorbei an malerischen Städtchen
des Inlands rattert. So historisch die Eisenbahn auch ist - schnaufen,
keuchen und zischen tut sie leider nicht mehr. Lange Jahre waren
die alten Dampfeisenbahnen eines der Aushängeschilder der sardischen
Schmalspurbahn. Durch die zunehmend günstigeren Einsatzbedingungen
von Diesel- und Elektrolokomotiven wurde die Dampflok ab Mitte der
1960er Jahre immer weniger eingesetzt. Im Mai 2003 wurden dann auch
die Dampflokomotiv- Sonderfahrten wegen Funkenflug und Brandgefahr
eingestellt.
"Schon bald wird der "Trenino Verde" im Winterfahrplan streckenweise
wieder mit einer Dampflokomotive betrieben", beteuert Herr Albertoni
zuversichtlich, "zwei mit Kohle betriebene Lokomotiven des Herstellers
SLM Winterthur sind schon restauriert".
Wenn das nur so einfach wäre. "Viele der ehemaligen Dampflokomotivführer,
Lokomotivheizer und Kesselwärter sind mittlerweile pensioniert",
erklärt Ingenier Bocconi von der Bahnverwaltung weniger hoffnungsvoll,
"uns fehlt das nötige ausgebildete Personal".
Vielleicht wird der Betrieb der Dampflokomotiven nun endgültig eingestellt.
Doch noch bereitet diese Vorstellung Herrn Albertoni kein Kopfzerbrechen.
Im Vertauen auf das italienische Ministerium für Verkehr und aus
Liebe zur "kleinen grünen Bahn" führt er den "Trenino Verde" auch
morgen wieder zuversichtlich in Richtung Arbatax.
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