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Es ist Rosenmontag, halb fünf Uhr nachmittags, als die ersten
beiden bunt kostümierten Reiter in Santu
Lussurgiu mit einem Affenzahn durch die enge Via Roma preschen
und versuchen, zwei Stoffhühnern, die an einem Seil über
der Straße hängen, den Garaus zu machen. Sie heben die
Holzstöcke und – verfehlen die Stoffhennen. Innerlich zucke
ich zusammen: Bei dem Tempo hätte die ausschlagende Bewegung
die Reiter in null Komma nichts aus dem Sattel werfen können,
doch sie bleiben sitzen und jagen dem Ende der engen Gasse entgegen.

Santu Lussurgiu
in Feierlaune: Bei "su Lunis de sa Pudda" müssen
die Reiter im Galopp zwei Stoffhühner, die an einem Seil über
der Straße hängen, mit dem Stock erreichen und herunterschlagen
Sind die Stoffhühner zu Boden gefallen? Um diese Frage dreht
sich am Rosenmontag alles im 2500-Seelen-Dorf
an der Westküste von Sardinien. „Zwei bis acht Wochen bereiten
die Reiter sich auf dieses Faschings-Spektakel vor", erklärt
Barbarangelo Licheri, Tierarzt aus Ghilarza. "Neben der Anzahl
der heruntergeschlagenen Glucken spielt auch die einwandfreie Position,
d.h. die gerade, natürliche und lockere Haltung der Reiter
bei der Bewertung dieses Wettstreits eine entscheidende Rolle. Nur
wer hoch zu Ross auch eine gute Figur macht, erntet Applaus und
keine Buh-Rufe“.
Im oberen Abschnitt der zirka 400 Meter langen, leicht abschüssigen,
gewundenen Dorfstraße und in den umliegenden Gassen warten
Pferd und Reiter auf den Start. Von den Mauern schallt Hufgetrampel,
ich halte Abstand von den scharrenden und sich aufbäumenden
Pferden. Die zahlreichen Reiter versuchen ihre nervösen Hengste
in Schach zu halten und fiebern dem großen Auftritt entgegen.
Dann ist es soweit. Zwei weitere Reiter in bunten Kostümen
preschen los und rasseln mit einer Geschwindigkeit von fast 70 Stundenkilometern
an den Hauswänden entlang. Als die Pferde sich den Stoffhühnern
nähern, steigt die Lautstärke der Zuschauer, die die Reiter
vernehmbar und armwedelnd anfeuern oder auslachen und mit Buh-Rufen
blamieren.
Grausame Faschings-Attraktion:
Vor 30 Jahren hingen noch lebendige Tiere an dem Seil, das über
die Via Roma gespannt war. Heute verbietet das Tierschutzgesetz
solche Praktiken
Ich lehne mich über die Absperrung und versuche, noch besser
zu sehen. Es wird knapp und spannend – mit einem festen Schlag holt
der linke Reiter ein Huhn vom Seil. Die Zuschauer werfen sich in
lautstarke Freudengestik und ballen die Fäuste zum Sieg. Hat
er gewonnen? „Hat er“, sagt Barbarangelo. „Aber keinen Preis. Er
hat seine Angst überwunden und ist in seiner Persönlichkeit
gewachsen, denn auf Sardinien gelten viele Pferderennen noch als
Mutprobe“, klärt er mich auf.
Faschings-Spektakel
"Su Lunis de sa Pudda": Wer nicht gerade und locker im
Sattel sitzt wird mit Buh-Rufen blamiert
Gegen sechs Uhr geht der atemberaubende Renntag, bei dem mehr als
50 Reiter angetreten sind, vorbei. Das Karnevals-Spektakel in Santu
Lussurgiu aber noch nicht. Denn wenn die Pferde in die Ställe
gebracht werden, müssen die Besucher und Gäste ja nicht
nach Hause gehen. Zur Feier des Tages öffnen die Lussurgesi
in der Via Roma ihre Weinkeller und Hauseingänge. Die Zuschauer
können von Tür zu Tür flanieren, in den Vereinslokalen
gibt es Rotwein zu probieren und vierstimmige, mittelalterliche
Vokalgesänge zu hören. Den „Cantigos in Carrela“
liegt eine Dichtung zugrunde, die von „sa oghe“ (dt. der Stimme)
rezitiert und der Bass-, der Alt- sowie der Contra-Tenor-Stimme
begleitet wird. Ich lehne mit einem Plastikbecher Rotwein in der
Hand an der Wand, beobachte die Sänger und lausche den melancholischen,
polyphonen Gesängen. So schön kann Karneval auf Sardinien
sein, denke ich - und schon morgen nachmittag geht das bunte Treiben
hoch zu Ross weiter.
Video
Clip Sa Carrela
'e Nanti in Santu Lussurgiu
Das Rosenmontags-Spektakel in Santu Lussurgiu findet in leicht abgewandelter
Form auch am Tulpensonntag und Veilchendienstag statt. An diesen
beiden Tagen wird das Dorf in der Provinz von Oristano zum Austragungsort
für das berühmte Pferderennen „Sa Carrela 'e Nanti“,
bei dem es diesmal nur um Haltung und Geschwindigkeit und nicht
um Stoffhühner die es zu schlagen gilt, geht.
Karneval,
Fasching und Fastnacht auf Sardinien: Die Karnevalsmasken der Insel
auf einer größeren Karte anzeigen
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| Text: Andrea Behrmann,
Fotos: Paolo Succu. Letztes Update: 19. Februar 2010 |
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